Anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums startete das DFJW Ende 2003, unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac, einen Wettbewerb. Die Aktion „40 deutsch-französische Geschichten" forderte Deutsche und Franzosen jeden Alters dazu auf, über ein deutsch-französisches Erlebnis, das ihr Leben besonders beeinflusst oder geprägt hat, zu berichten.

Durch den Wettbewerb kamen viele Menschen zu Wort, denen bisher noch kein Forum geboten wurde, ihre deutsch-französische Geschichte zu erzählen. Vierzig von ihnen werden die Möglichkeit erhalten, ihre Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen und sie somit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Buch soll Zeugnis der Bedeutung der deutsch-französischen Begegnungen durch die Generationen sein und Menschen für den Austausch und das Erlernen der Partnersprache motivieren.

Die Aktion hat gezeigt, dass ein Austausch oder eine deutsch-französische Begegnung für die Beteiligten zu einem unvergesslichen Erlebnis werden und damit das weitere persönliche und auch berufliche Leben stark beeinflussen kann.

Der Wettbewerb erwies sich als großer Erfolg. Über 700 Geschichten gingen beim DFJW ein.

Die rund 700 Autoren kommen aus allen Altersklassen. 57 % der Beiträge stammen von französischen und 43 % von deutschen Teilnehmern.

Mein Beitrag


Eine Kollage meines Lebens

Ich bin im Rahmen des Deutsch-Französischen Jugendwerkes Mitte 1965 für damals 100 Franc für 10 Tage nach Berlin gekommen. Mein Wunsch war es, etwas mehr über das Land zu erfahren, dessen Sprache ich begonnen hatte, zu lernen.So stieg ich in den Zug von Lyon nach Berlin, ohne zu ahnen, was mich erwarten würde.

Der erste Schock kam an der DDR Grenze! Passkontrolle mit Gewehr und Polizeihunden und dann die langsame Fahrt durch die DDR, für mich ein Niemandsland. Dann endlich Berlin, Bahnhof Zoo, weiter mit einem Bus zu einem Studentenheim im Stadtteil Grunewald. Damals ahnte ich nicht, dass in dem Haus gegenüber eine Tante meines zukünftigen Mannes wohnte!

Die erste Erkenntnis war, dass die Millionenstadt Berlin für mich einen fast provinziellen, ländlichen Charakter hatte: die großen Parks, die vielen Wälder und Seen. Aber auch die Mauer, die auf der einen Seite eingrenzte, aber vieles auch überschaubarer machte. Durch Zufall lernte ich eine Familie kennen, die mich einlud, wieder zu kommen und länger zu bleiben. Ich sagte mit Freude zu, denn in den paar Tagen hatte ich die Stadt, ihre Menschen und die Sprache lieben gelernt. Dieser Familie bin ich bis heute freundschaftlich verbunden und das bis zur dritten Generation!

Ein halbes Jahr später war ich wieder in Berlin.
Ich begann als Au-pair-Mädchen (auch um etwas Geld zu verdienen!) bei der Familie des bekannten Berliner Schauspielers Friedrich Schönfelder zu arbeiten.
Er spielte damals in dem Musical „My fair Lady" den Professor Higgins. Um mir die richtige Aussprache des „H", eine besonders schwere Klippe für jeden Franzosen, zu verdeutlichen, musste ich versuchen, eine brennende Kerze auszupusten!

Es war auch das Jahr seines 50. Geburtstages, und so lernte ich viele der damals sehr beliebten und bekannten Schauspieler wie Agnes Windeck, Martin Held und Karin Hübner kennen.

Einen zweiten Schock bekam ich bei einer S-Bahnfahrt zwischen Grunewald und Nicolassee. Es war Winter, später Nachmittag und bereits dunkel. Plötzlich blieb der Zug mitten auf der Strecke stehen. Nach ungefähr 20 Minuten ohne Information, warum wir so lange hielten, öffnete ich verärgert die Tür und genau vor mir auf den Gleisen lag ein abgetrennter Männerkopf mit Hut!

Endlich zu Hause angekommen, rief ich meinen Freund an, der sofort zu mir kam und obwohl er mir nicht richtig glauben wollte (am nächsten Tag stand es glücklicherweise in der Zeitung!), tröstete er mich so lieb, dass ich nun auch meinen Kopf verlor und wir ein Jahr später heirateten.

Da mein Mann Berliner war, ich aber auch meine französische Nationalität behalten hatte, bekam ich plötzlich die Rolle des Mittlers zwischen den Teilen der Familie in Ost- und Westdeutschland und Ost- und Westberlin. Besonders hatte mich das Stadtbild von Ostberlin beeindruckt. Man hatte in vielen Straßen das Gefühl, als ob das Ende des zweiten Weltkrieges gerade gewesen ist: mehr oder weniger große Krater auf den Bürgersteigen und Straßen, die Einschusslöcher in den Hauswänden, die zum Teil für unsere Verhältnisse ärmlich gekleideten Menschen. Die Zeit schien stillgestanden zu sein, der Hauch des Kalten Krieges, besonders in Grenznähe, war deutlich zu spüren.
Mein Vater hatte im 2. Weltkrieg im Elsaß gegen die Deutschen gekämpft, mein Schwiegervater war in französischer Gefangenschaft. Als die beiden sich das erste Mal trafen, haben sie sich spontan umarmt.

Als Jahre später eine Tante meines Mannes in Leipzig starb und kaum sechs Monate danach auch ihre Tochter auf ziemlich mysteriöse Weise (angeblich unter die Straßenbahn „gefallen"), hatte ich die „einmalige" Gelegenheit, in dem anstehenden Erbschaftsfall alle Höhen und, leider viel stärker, alle Tiefen des DDR Regimes und ihre Beziehungen zu Westdeutschland und Frankreich kennen zu lernen.

So durfte ich zum Beispiel weder als Französin noch als Deutsche die Cousine meines Mannes unter die Erde bringen! So wandte ich mich an ihre älteste (Schul-) Freundin, die mich nur ungern empfing und nur lapidar mitteilte, dass sie keinen Kontakt mit Bürgern der BRD oder anderen Westländern haben wollte, dabei ging es nur um eine Unterschrift unter dem Beerdigungsformular! Ich war so empört über ihre Haltung gegenüber ihrer verstorbenen Freundin. Ich überlegte, wie ich ihr dieses Verhalten unvergesslich machen könnte und schenkte ihr aus dem Nachlass eine kostbare, reich verzierte Silberschale, die wir als ein Produkt aus „Edelmetall" oder „Kulturgut der DDR" sowieso nicht hätten ausführen können. So wird sie jedes Mal, wenn sie die Schale putzt, hoffentlich an ihr „menschliches" Verhalten erinnert werden. Eine Nachbarin aus dem Hause der Cousine hat mir dann geholfen, wir sind noch heute mit dieser Familie befreundet.

In Berlin wollte ich meinen Führerschein machen. Mein Fahrlehrer war so begeistert von meinem französischen Akzent und der Tatsache, das ich Französin bin, dass er mich ständig beim Fahren nach Speiserezepten fragte (besonders interessierte ihn die damals in Mode gekommene Zwiebelsuppe!), mit dem Erfolg, dass ich nach 10 Fahrstunden ohne große Fortschritte seinen Chef bat, mir einen anderen Fahrlehrer zu geben. Diese Art der Deutsch-Französischen Beziehung (Weitergabe von Rezepten) war mir dann doch zu teuer!

Berlin war aber auch die Entdeckung deutscher Kultur für mich. Da mein Mann als Student sehr billig an Karten für Theater, Oper, Ballett und Konzert kam, waren wir manche Woche fast jeden Tag unterwegs. Es war die Zeit eines Herbert von Karajan in der Philharmonie, die Geburt der Schaubühne am Halleschen Ufer mit Peter Stein und der Schiller Theater Werkstatt und auch wenn ich nicht alles verstand, besonders im Theater, so war ich doch wie von einem Virus befallen und saugte das Erlebte wie ein trockener Schwamm in mich auf. Ich entdeckte meine künstlerische Ader und begann zu malen. Ich studierte bei Prof. Müller-Raabe solange wir in Berlin lebten. Wir arbeiteten gemeinsam in seinem Atelier. Vielleicht war ich für ihn seine Muse, für mich aber war er der Meister, die Dinge des Lebens in der Malerei anders zu sehen und rückblickend erkenne ich deutlich, wie sehr mich seine Art des Malens beeinflusst hat.

Nach dem Studium meines Mannes zogen wir nach Düsseldorf. Auf eine meiner Fahrten nach Leipzig saß ich zufällig in einem Abteil, in dem bis auf einen Herrn nur Rentner der DDR waren. Je näher wir der Grenze kamen, umso schweigsamer wurde die Gesellschaft, man konnte die Angst und Ungewissheit, die auch mich jedes Mal befiel, förmlich spüren. Und dann hatte ich all die kleinen verbotenen Geschenke wie Westmagazine oder Taschenrechner, die meine Mitreisenden in der „BRD" gekauft hatten, in meinem „Besitz"! Glücklicherweise wurde mein Mut belohnt, vielleicht hat mir auch dieses Mal der Ausländerstatus und französische Charme geholfen - genau konnte man es nie wissen. Die Dankbarkeit war mein Lohn und mit dem (jüngeren) Herrn, er war (ist) Veterinärarzt hat sich eine Brieffreundschaft entwickelt, die nach dem Fall der Mauer durch gegenseitige Besuche vertieft werden konnte. Vielleicht habe ich ihn dazu inspiriert: er nahm Kontakt zu französischen Kollegen auf, man trifft sich und bei der Korrespondenz übernehme ich ab und zu die Funktion der Übersetzerin.

Bei einem Besuch meiner Mutter in den 70er Jahren habe ich ihr natürlich auch Westberlin gezeigt und einen Tag sind wir auch zu einer Freundin nach Ostberlin gefahren. Wie durch ein Wunder hatte sie Rosen als Begrüßung für meine Mutter bekommen (in der DDR nannte man dies „Bückware", d.h. sich unter die Verkaufstheke bücken, um etwas Verborgenes für einen besonders guten Kunden oder Freund hervorzuholen). Als wir bei der Rückkehr nach Westberlin mal wieder in einer endlos langen Schlange im „Tränenpalast" warteten, wollte ich dem Vopo, der unsereTaschen kontrollierte, spontan, wie ich häufig (manchmal leider!) bin, eine der Rosen schenken! Oh Gott, welche Anmaßung, vielleicht sogar Bestechung! Raus mit mir aus der Schlange, rein in ein kleines Zimmer, Durchsuchung aller Taschen, Überprüfung aller Anschriften in meinem Adressbuch, warten, warten und dann endlich zurück zu der Schlange, in der meine völlig verängstigte Mutter, die kein Wort Deutsch sprach, wartete, ohne zu wissen, was mit ihrer Tochter geschieht. Und dann wurden wir beide wieder von der Schlange weggeführt und ich dachte: Und das alles nur für eine Rose! Aber da geschah das Wunder! Wir wurden an den Wartenden vorbei direkt zum Ausgang geleitet und dort höflich verabschiedet.

Jetzt lebe ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kassel, wo es auch einen deutsch-französischen Freundeskreis gibt. Aber sogar unser Dorf hat ein französisches Partnerdorf, leider funktioniert das zurzeit nur bei den älteren Menschen, einige haben sogar noch den 2. Weltkrieg miterlebt. Wenn nötig, helfe ich Briefe übersetzen oder den Kindern für die Schule.Zurzeit kann ich sowohl meine künstlerischen als auch sprachlichen Fähigkeiten zum Einsatz bringen, da eine Nachbarstadt ihr 20jähriges Jubiläum mit ihrer französischen Partnerstadt feiern will. Dafür habe ich als Gastgeschenk eine Bildcollage erstellt, die das freundschaftliche Miteinander der beiden Städte visualisiert - ein Miteinander, wie ich es in den letzten 40 Jahren selbst erlebt habe.

Die Bilanz meines Lebens bis heute ist, dass ich, als Französin in Deutschland leben zu können, immer als Glück empfunden habe und auch als ein „Sesam öffne dich" in die Herzen meiner Mitmenschen. Eine Kollage meines Lebens